Bruce Schneier: Ausweise und die Illusion von Sicherheit

IDs and the illusion of security
Bruce Schneier
San Francisco Chronicle
February 3, 2004

Im Lauf der letzten Jahre wurden verstärkt Ausweiskontrollen als Sicherheitsmaßnahme durchgeführt. Fluggesellschaften verlangen immer Lichtbildausweise, Hotels mehr und mehr. Sie sind oft Vorraussetzung zum Betreten von Regierungsgebäuden und manchmal sogar von Krankenhäusern. Überall, hat man den Eindruck, kontrolliert jemand Ausweise. Der vorgebliche Grund ist, dass diese Kontrollen uns Sicherheit geben, aber genau das ist nicht der Fall. In den meisten Fällen hat Identifikation wenig mit Sicherheit zu tun.

Entlarven wir also die Mythen:

Die Überprüfung, ob jemand einen Lichtbildausweis hat, ist eine total nutzlose Sicherheitsmaßnahme. Sämtliche Attentäter des 11. September hatten solche. Manche davon waren echt, andere gefälscht. Manche waren echte Ausweise ausgestellt auf Phantasienamen, die man einem korrupten Angestellten des Straßenverkehrsamtes für 1000,- Dollar pro Stück abgekauft hatte. Gefälschte Führerscheine für alle 50 Staaten, die jedem echt erscheinen, der nicht genauer hinsieht, gibt es im Internet zu kaufen. Wenn man die nicht online kaufen will, fragt man einfach einen Teenager nach einem gefälschten Ausweis.

Schwer zu fälschende Ausweise helfen nur wenig, denn das Problem ist nicht, sicher zu sein, dass der Ausweis echt ist. Das ist der zweite Mythos bezüglich Ausweiskontrollen: dass Identifizierung zusammen mit Profiling ein Indikator für Intention sein kann. Das Ziel ist, irgendwie die paar schlimmen Jungs zu finden, die sich in einem Meer der Guten verstecken. In einer perfekten Welt hätten wir gerne einen
Ausweis, der Absichten verrät. Wir hätten gerne, dass alle Terroristen eine Karte bei sich haben, auf der “Bösewicht” und alle anderen eine, auf der “ehrliche Person, die nichts entführen oder in die Luft sprengen will” steht. Damit wäre Sicherheit einfach zu haben. Wir müssten uns nur die Karte angucken, und die Bösewichte dann nicht ins Flugzeug oder Gebäude lassen.

Natürlich ist diese Vorstellung albern, weswegen wir uns als Ersatz auf die Identität verlassen. Theoretisch können wir, wenn wir wissen wer du bist oder genug Informationen über dich haben, irgendwie abschätzen, ob Du ein Bösewicht sein könntest oder nicht. Diese Idee steht hinter CAPPS-2, dem neuen Profiligsystem der Regierung für Flugpassagiere. Die Leute werden nach verschiedenen Kriterien in zwei Kategorien eingeteilt: der Adresse des Reisenden, Kredit-Vorgeschichte, Einträgen bei Polizei und Steuerbehörde; Abflugsort und Flugziel; ob das Ticket bar oder per Check oder Kreditkarte bezahlt wurde; ob es nur für eine Richtung oder hin und zurück gilt und wie früh es vor dem Abflug gekauft wurde.

Profiling hat zwei sehr gefährliche Fehlerzustände, der erste ist offensichtlich. Die Idee beim Profiling ist, die Leute in zwei Kategorien einzuteilen: solche, die Bösewichte sein könnten und genauer untersucht werden müssen und jene, die wahrscheinlich keine sind und weniger genau untersucht werden müssen.

Aber jedes derartige System erschafft eine dritte und sehr gefährliche Kategorie: Bösewichte, die nicht dem Profil entsprechen. Oklahoma City-Bomber Timothy McVeigh, John Allen Muhammed der Heckenschütze der Umgebung Washingtons und viele der Attentäter vom 11. September hatten zuvor keinerlei Verbindung zum Terrorismus. Der Unabomber lehrte Mathematik an der UC Berkeley. Die Palästinenser haben gezeigt, dass sie Selbstmordattentäter rekrutieren können, die vorher nicht mit antiisraelischen Aktivitäten aufgefallen sind. Sogar die Highjacker vom 11. September gaben sich Mühe, einem normalen Profil zu entsprechen; sie hatten Vielfliegernummern, waren oft First-Class geflogen und so weiter. Bösewichte können zudem Identitätsdiebstahl verüben und sich die Identität – und damit das Profil – einer ehrlichen Personen stehlen. Das Profiling kann zu weniger Sicherheit führen, da es manchen Personen leicht macht, die Sicherheit zu umgehen.

Ein weiterer noch gefährlicherer Fehlerzustand dieser Systeme: ehrliche Leute, die dem Profil des Bösewichts entsprechen. Da Bösewichte so selten sind, wird sich so ziemlich jeder, auf den das Profil zutrifft als falscher Alarm herausstellen. Das verschwendet nicht nur Ressourcen bei den Ermittlern, die besser anderswo Verwendung fänden, sondern richtet auch beträchtlichen Schaden bei den Unschuldigen an, die dem Profil entsprechen. Egal ob es sich um so was simples wie “als Schwarzer Auto fahren” oder “als Araber fliegen” handelt, oder etwas schwierigeres wie Tauchstunden nehmen oder gegen die Bush-Administration demonstrieren, das Profiling schadet der Gesellschaft, denn sie bringt uns alle dazu, in Angst zu leben… nicht vor den Bösewichten sondern vor der Polizei.

Sicherheit ist ein Zielkonflikt, wir müssen die Sicherheit damit bemessen, was wir als Preis dafür zahlen. Besser wäre es, das Geld für Geheimdienste und Analysen, Untersuchungen und dafür, uns weniger als Paria auf der Weltbühne zu gebärden, auszugeben. Und für Sicherheitsmaßnahmen, die nichts mit Terrorismus zu tun haben, jedes Jahr aber weit mehr Amerikaner betreffen.

Identifikation und Profiling schaffen keine besonders hohe Sicherheit und das zu enormen Kosten. Würde man, soweit möglich, die Ausweiskontrollen unterlassen und Zufallskontrollen durchführen, erreichte man ein weit besseres Kosten/Nutzen-Verhältnis. Menschen, die wissen, dass sie beobachtet werden, und dass ihr unschuldiges Verhalten sie einer genaueren Überprüfung durch die Polizei aussetzen könnte, sind Menschen die Angst bekommen und aus der Reihe tanzen. Sie wissen, dass sie jederzeit auf einer “schwarzen Liste” landen können. Menschen, die in einer solchen Gesellschaft leben sind nicht frei, egal welch vermeintliche Sicherheit ihnen zuteil wird. Dies widerspricht all den Idealen, auf denen die Vereinigten Staaten gegründet wurden.

Übersetzt von Marvin, Korrekturen erwünscht

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