Bruce Schneier: Auch wenn Terroristen Google Earth verwenden, ist Angst kein Grund, es zu verbieten

Terrorists May Use Google Earth, But Fear Is No Reason to Ban It

Bruce Schneier
Guardian
29.01.2009

Die Menschen sind immer wieder darüber erstaunt, dass unsere Infrastruktur gegen uns verwendet werden kann. Als Folge von (geplanten) Terroranschlägen werden aus Angst immer wieder Rufe laut, diese Infrastruktur zu verbieten, einzuschränken oder zu überwachen. Nach Angaben der Beamten, die den Anschlag von Mumbai untersuchen, haben die Terroristen Bilder von Google Earth zur Orientierung vor Ort verwendet. Das ist nicht das erste Mal, dass Google Earth vorgeworfen wird, Terroristen nützlich zu sein; 2007 wurden bei aufständischen Irakern Google Earth-Bilder britischer Militärbasen gefunden. Vorfälle wie diese haben viele Regierungen dazu veranlasst, von Google das Löschen oder Unscharfmachen von Bildern gefährdeter Einrichtungen zu fordern: Militärbasen, Kernkraftwerke, Regierungsgebäude, etc. Ein indisches Gericht wurde angerufen, Google Earth komplett zu verbieten.

Informationstechnologie kann Terroristen noch auf andere Art nützlich sein. Letztes Jahr wurde in einem Geheimdienstbericht der US Armee die Sorge geäußert, Terroristen könnten Twitter zur Planung ihrer Anschläge verwenden. Zudem gibt es unbestätigte Berichte, denen zufolge die Terroristen von Mumbai die Beiträge auf Twitter über den Anschlag verfolgten, um in Echtzeit Informationen für ihr weiteres Vorgehen zu erhalten. Der britische Geheimdienst ist in Sorge darüber, dass Terroristen VoIP-Dienste wie Skype zur Kommunikation verwenden könnten. Terroristen könnten in Second Life oder World of Warcraft trainieren. Wir wissen bereits, dass Websites zur Verbreitung von Propaganda und wahrscheinlich sogar zur Rekrutierung genutzt werden.

Dies alles wird natürlich noch vom Zugriff auf offene Funknetze übertroffen, die wiederholt als Terroristenwerkzeug gebrandmarkt wurden und Versuchen, sie zu verbieten ausgesetzt waren.

Mobilfunknetzwerke sind auch nützlich für Terroristen. Die Terroristen von Mumbai telefonierten darüber miteinander. Daraufhin wurde in einigen Städten, darunter London, vorgeschlagen, die Netzabdeckung im Falle eines Anschlags abzuschalten.

Nun lassen Sie uns kurz inne halten und tief durchatmen. Naturgemäß ist eine Kommunikationsinfrastruktur universell. Man kann sie dazu verwenden, legale als auch illegale Vorhaben zu planen, und es ist normalerweise unmöglich zu sagen, was davon was ist. Versand und Empfang meiner Mails unterscheiden sich in nichts von dem eines Terroristen. Für das Mobilfunknetz sieht der Anruf eines Terroristen genauso aus wie der zwischen zwei Opfern. Jeder Versuch, die Infrastruktur zu verbieten oder einzuschränken betrifft alle. Sollte Indien Google Earth verbieten, könnte ein Terrorist nicht mehr damit planen, aber auch sonst niemand. Offene Funknetzwerke sind aus vielen Gründen nützlich, die meisten davon sind positiv und sie abzuschalten beeinträchtigt alle dieser Gründe. Terroranschläge sind ziemlich selten und es ist fast immer ein schlechter Kompromiss, wenn der Gesellschaft die Vorteile der Kommunikationstechnologie verweigert werden, nur weil die schlimmen Jungs sie auch nutzen könnten.

Während eines Terroranschlags ist die Kommunikationsinfrastruktur besonders wertvoll. Twitter war am besten dazu geeignet, die Menschen in Echtzeit mit Infos über die Anschläge von Mumbai zu versorgen. Würde während eines Terroranschlags die indische Regierung Twitter – oder London die Netzabdeckung des Mobilfunks – abschalten, würde der Mangel an Kommunikationsmöglichkeiten für alle, nicht nur die Terroristen, den Terror noch verstärken und evtl. sogar die Anzahl der Opfer erhöhen. Informationen verringern die Angst und geben den Menschen mehr Sicherheit.

Nichts davon ist neu. Kriminelle haben Telefon und Handy seit deren Erfindung eingesetzt. Drogenschmuggler nutzen Flugzeuge und Boote, Funkgeräte und Satellitentelefone. Bankräuber haben schon immer Autos und Motorräder als Fluchtfahrzeuge benutzt, und davor Pferde. Ich habe darüber bisher nichts gelesen, aber die Attentäter von Mumbai haben auch Boote benutzt. Sie trugen zudem Stiefel. Sie aßen in Restaurants zu Mittag, tranken abgefülltes Wasser und atmeten Luft. Die Gesellschaft übersteht dies alles, weil die Möglichkeiten, die Infrastruktur zu guten Zwecken einzusetzen die schlechten bei weitem überwiegen, und das, obwohl erstere klein und häufig und letztere selten und spektakulär sind. Und obwohl der Terrorismus die Infrastruktur der Gesellschaft gegen sie selbst einsetzt, schaden wir uns nur selbst, indem wir sie als Reaktion darauf beschneiden; genau so, als würden Autos verboten, nur weil auch Bankräuber sie benutzen.

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